Maestro, wo haben Sie derzeit Ihren (ständigen) Wohnsitz, nachdem Ihr Vertrag als Chefdirigent der Wiener Symphoniker Anfang 2005 ausgelaufen ist?
Ich bleibe in Wien, da gehen meine Kontakte mit den Wiener Symphonikern weiter, ich lebe in Moskau, wenn ich mit dem Tschaikovski-Orchester arbeite, in Zürich – ziemlich lange, weil die Opernarbeit viel Zeit verlangt – und natürlich im Flugzeug ...
Was hat Ihnen Wien in diesen zehn Jahren gegeben?
Vor allem Beethoven, hier ist es mir gelungen mich tiefer hineinzuversenken oder, richtiger, mich "um einen Schritt" zu dieser unendlichen Welt hinaufzubewegen. Ich habe vieles in den Briefen Mahlers verstanden und daher auch in seiner Musik. Zu einigen Menschen habe ich engen Kontakt gefunden, so engen, dass man das Freundschaft nennen kann, woran es unserer beziehungsarmen Zeit so sehr mangelt.
Was macht Zürich für Sie sympathisch?
Zürich ist kleiner, einfacher, das heißt verständlicher, und die künstlerische Atmosphäre ist in seinem geistig-kulturellen Leben ganz stark präsent.
Wohin "zieht" es Sie jetzt mehr, zur symphonischen oder zur Opernmusik?
Wahrscheinlich zu beidem gleich stark. Die Oper ist ja eine theatralische Symphonie und die Symphonie eine kodierte Oper.
Wie denken Sie über die Zukunft der Oper?
Diejenigen, die dieses Genre lieben, die ihm treu ergeben sind, müssen SOS schreien! Es braucht eine Weltkonferenz, ein Symposium derer, die für die Oper arbeiten, sie schaffen: der Theaterdirektoren, Manager, großen Sänger, Regisseure, Bühnenbildner und Designer, der im Kulturbereich tätigen Persönlichkeiten, vielleicht auch der Sponsoren. Sonst verschwindet die Oper als musikalisches romantisches Genre, denn der Trend der meisten Operninszenierungen entfernt sich immer weiter von der Musik, von der Idee der Partitur, von den Autoren.
Welche Deutung legen Sie in den Begriff "Romantik" in unseren Tagen?
Wie auch zu allen Zeiten ist die Romantik das Hinstreben zur Wahrheit, zur Seelenharmonie, zu Aufrichtigkeit des Gefühls, d. h. letztendlich zur Weltharmonie, das dem Zynismus, der harten, rein praxisorientierten Einstellung gegenübersteht, die im Leben immer mehr Oberhand gewinnt.
Gibt es ein besonderes Lieblingswerk, dem Sie sich immer wieder zuwenden?
Ich werde immer von jenem Werk angezogen, an dem ich gerade arbeite. Ich verliebe mich wie Don Juan in die "Heutige". Nun, und Donna Anna – das ist nicht für ein Interview.
Wer kann für Sie in der Kunst des Dirigierens als Vorbild dienen?
Carlos Kleiber. Ein überragender Dirigent, ein wunderbarer Musiker – ein großer Mensch. Was für "Legenden" wurden nicht über ihn erzählt! Alles ist so dumm. Der Schlüssel zum Verständnis dieser Persönlichkeit ist sein riesiges Maß an Verantwortung gegenüber der Musik. Und sein Weggang?! Still, einsam, weil das Ende des Schaffens auch das Ende des Lebens bedeutete. Er wollte und konnte sich nicht gegen die zerstörerischen, lauten Tendenzen behaupten. Ich bin stolz auf die Bekanntschaft mit ihm, wenn sie auch kurz war – erst in den letzten Jahren seines Lebens, stolz auf seine Aufrichtigkeit in den Briefen. Ich bin glücklich, dass er lebte und schaffend tätig war, und in meinem Herzen und in meinem Leben bleibt er für immer.
Gab es schöpferische Misserfolge, die besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Was bedeutet schöpferischer Gelingen oder Misslingen! Misserfolge hat es nicht gegeben, aber sehr selten kommt es vor, dass man so etwas wie Befriedigung fühlt. Die wahre Musik ist so groß, dass immer noch Platz zur Vervollkommnung bleibt.
Haben Sie viele Freunde und gibt es auch Feinde?
Ich glaube, dass es viele Freunde im eigentlichen Sinn nicht gibt oder sie anders bezeichnet werden. Ich habe einen wahren Freund – meine Frau, die mich, wie mir scheint, gut kennt und versteht, dies aber nie ausnutzt. Ich habe noch hundert Freunde, die Musiker des Tschaikovski-Orchesters, das ich 30 Jahre leite, ich habe auch noch andere ...
Das denkwürdigste Konzert vom Gesichtspunkt der Interpretation?
Das Schwierigste war das erste Johann-Strauß-Konzert in Wien, mit den Wiener Symphonikern. Diese wahrhaft elegant-charmante Musik zu spielen ist sehr schwierig. Das meiste von dem, was ich bis dahin hörte, war entweder einförmig, ohne Feinheiten, oder wenig geschmackvoll.
Was ist (Ihnen) von der Wiener Kritik erinnerlich?
Ein sehr komischer Gedanke, ein scherzhafter natürlich, dass Johann Strauß "mir im Blut liegt". Wahrscheinlich ist meine Großmutter, die in Petersburg lebte, dem großen "Walzerkönig" unerlaubt nahe gekommen.

